something old, nothing new

random coincidences of the internet just caused me to rediscover a short story / sketch thing i wrote my junior year at midd… i’m actually a little impressed with myself!  (now if only i could make worthwhile words come out in my current academic writing…) posting this here for my own edification and for posterity, since it’s in german, but you’ll have to take my word for it that it’s decent.

Wir machen eine Reise

Wir fuhren an einem Donnerstag ab, spät nachmittags, meine Mutter und ich, nach Westen, und konnten fast gar nichts sehen wegen der untergehenden Sonne. Es war noch nicht Winter, noch nicht eben so kalt, aber die Bäume hatten schon fast alle ihre Blätter verloren, und die Sonne schien hell, fast blendend vor unseren Augen, obwohl wir noch nicht einmal zu Abend gegessen hatten. Meine Mutter saβ hinter dem Steuer, und ich saβ neben ihr und starrte durch das Fenster hinaus. Häuser und anderen Autos schienen an uns vorbei zu flitzen, und das einzige Geräusch war das Summen des Motors, das meine Ohren füllte. Eine groβe Stille lag im Raum zwischen uns. Und weder ich noch sie bekannte unsere Schuld daran, bekannte das schlechte Gewissen, das durch das Auto wie durch dunkles Öl schwamm.

Zwei Stunden lang fuhren wir aufs Land, wo kaum etwas auβer dem Gras und dem dunkelblauen, leicht bewölkten Himmel zu sehen war. In einem kleinen Imbiss neben der Autobahn aβen wir Hamburger und Pommes und starrten stumm unsere Teller an. „Ich bin müde,“ sagte meine Mutter. „Gut, ich fahre,“ sagte ich, obwohl ich keine Lust zum fahren hatte. Die Autobahn war kurvig, und es dämmerte schon, als wir wieder los fuhren; wir wollten noch ein paar Stunden unterwegs sein, bevor wir für die Nacht aufhörten. Ich schaltete die Radio an, und fing an, mit dem Empfänger zu kungeln, aber es gab nur atmosphärische Störungen. Ich schaltete sie aus, und meine Mutter machte die Augen zu und drehte sich weg von mir. Der Weg war mir noch bekannt, und ich verlor mich bald in bedeutungslosen Gedanken.

Es war nicht so lange her, als ich diesen Weg mit meinem Vater entlangfuhr; es war Frühling, und die Erde neben der Straβe war noch matschig, noch nicht grün. An dem Tag war es schon sehr dunkel. Der Scheinwerfer warf einen Strahl vor uns, der die Straβe hinauf und hinunter dümpelte; eine Beethoven Sinfonie spielte im Radio, und mein Vater summte mit. Die hell beleuchteten Fenster der weit entfernten Häuser waren kaum sichtbar, so schnell wie wir an ihnen vorbei fuhren. Ich hatte an dem Tag Angst – nicht vor der Dunkelheit, aber vor unserem mir noch unbekannten Ziel. Ich hatte natürlich gefragt, wo wir hinfuhren, und mein Vater schwieg. Obwohl ich schon siebzehn Jahre alt war, bewunderte ich meinen Vater mehr als ich ihm vertraute. Ich wusste nicht, Monate später, warum ich mit ihm gegangen war. Ich dachte fast, ich sah weiβe Schatten, die uns durch die Finsternis folgten.

Nicht weit vor uns an der Straβe lag ein kleines Hotel, in dem die Hälfte der Fenster noch dunkel waren. Meine Mutter, die anscheinend nicht wirklich schlief, saβ wieder gerade und schaute mich an. „Fahr hier zur Seite,“ sagte sie, „wir können hier übernachten. Ich habe keine Lust, heute Nacht weiter zu fahren.“ Ich fuhr aber ein bisschen schneller. „Ich, doch,“ sagte ich. Ehrlich gesagt wurde ich seit ziemlich langem schläfrig, aber ich konnte die Idee nicht leiden, in diesem spezifischen Hotel zu übernachten. „Wir wissen aber nicht,“ hielt sie vor, „wie weit es noch zur nächsten Schlafmöglichkeit ist.“ „Ich würde lieber im Auto schlafen,“ schnappte ich und fuhr weiter. Meine Mutter machte ihren Mund auf, als ob sie etwas genau so schnappisch sagen wollte, aber schwieg. Vielleicht wusste sie, warum ich nicht hier bleiben wollte, und vielleicht auch nicht. Ich hätte es ihr nicht gesagt. Vielleicht wusste sie es und nannte es aus Mitleid; vielleicht sagte sie es nur, um mir weh zu tun. Vielleicht war ich darum überhaupt erst mit ihm gegangen.

Wenn ich daran dachte, hätte ich am Liebsten meinem Vater die gleichen Fragen gestellt. Hatte er es schon vor? Wenn nicht, was hatte er eigentlich vor? Warum wollte er mich mitnehmen? Wollte er mir weh tun? Meiner Mutter? Ich wusste nicht, ob er mich lieb hatte. Meine Mutter und ich stritten uns ziemlich oft; mein Vater und ich dagegen nicht. Er war einfach da, wie ein weit entfernter Berg, den ich von Zeit zu Zeit in meinem Leben sah. Wir hatten eine Stunde lang auf den zwei Betten in dem Hotel gelagen, ohne ein Wort zueinander zu sprechen. Wir hatten schon alle Themen zum Geplauder während der Fahrt erschöpft. In der Schule ging es mir gut; ich hatte keinen Freund; ich wusste noch nicht, was ich studieren wollte. Ich fing nach einer Weile an, in einem Buch zu lesen. Er saβ auf dem Bett und starrte die Wand an; ich hatte das Gefühl, dass er mich auch von Zeit zu Zeit ansah, wie ich voller Entschlossenheit die gedruckten Seiten anstarrte, ohne sie wirklich zu lesen.

Wir waren noch einundhalb Stunden unterwegs, bevor wir zu einem anderen Hotel kamen. Einundhalb wortlose Stunden. Ich fuhr zur Seite, bevor meine Mutter etwas sagte. Sie schnallte rasch ihren Sicherheitsgurt los, bevor ich das Auto abstellen konnte. Vielleicht wischte sie auch ein paar Tränen los, indem sie ihr Gesicht von mir wegdrehte; vielleicht wollte ich das nur sehen. Ich holte meinen Rucksack aus den Kofferraum und folgte ihr ins Hotel. Die Neonlichter summten leise, so dass alle Menschen in der Vorhalle – alle drei Menschen, die Rezeptionistin, meine Mutter, und ein kahler alter Mann, der mich mit seinen drei gelben Zähnen anlächelte – alle drei Menschen tot aussahen. Es roch nach Benzin, alten Kondomen und Verzweiflung. Meine Mutter suchte in der Ledertasche nach ihrer Kreditkarte, der alte Mann zündete eine Zigarette an, und die ehemalige blonde, blasse Frau hinter dem Schalter starrte ihn zornig an. Meine Mutter bezahlte. Wir gingen drei Treppen hinauf, und meine Mutter entsperrte eine Tür, die in ein dunkeles Zimmer führte. Ich blinzelte und stolperte durch das düsterne Zimmer, auf der Suche nach einem Lichtschalter. Meine Mutter fand ihn zuerst. Ich setzte mich auf das Bett hin und schlug mein Buch auf.

Es hatte in der Nacht geregnet, aber ich hatte es nicht gehört. Wir waren nach dem Frühstück (mehlartige Äpfel und lauwarmer Kaffee) nicht weit gefahren, bevor mein Vater zur Seite fuhr. Der Himmel war grau, und das Auto sank ein paar Zentimeter in den Schlamm. Ich schüttelte mir ein bisschen den Kopf; wir waren früh losgefahren, und ich war wegen der leichten Bewegung des Autos auf der nassen Straβe fast wieder eingeschlafen. Ich hörte, wie mein Vater seine Tür auf und wieder zumachte. Er ging zum Kofferraum, machte ihn auf, und wieder zu. Ich konnte ihn kaum sehen, wie er hinter dem Auto stand. Ich sah nur wie einen Umriss, wie einen dunklen Schatten im Rückspiegel. Durch die Frontscheibe sah ich in der Ferne ein Dorf mit einem weiβen Kirchturm. Sonst waren nur das Gras und der Himmel zu sehen. Ich sah die Begwegung seines Arms nicht. Ich hörte nur das, was mein Vater vielleicht am Tag davor vorgehabt hatte, und vielleicht auch nicht. Ich hörte es, und war einen Moment lang plötzlich wie selber tot, so still wie mein Herz stand.

Ich ging früh ins Bett, aber konnte nicht schlafen. Das Bett war hart, und meine Mutter blieb bis spät in die Nacht wach. Mal lag sie auf dem Bett, mal ging sie zum Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Das Bett quietschte, wenn ihr Gewicht in den Schlaf der Bettfeder hereinbrach. Ich lag einfach ganz still, zu warm unter den nach Mottenkugel stinkenden Bettdecken. Die Tapete war, dachte ich, einmal weiβ mit breiten blauen Streifen; sie war jetzt gelb und grau und traurig. Ich dachte einmal, dass ich meine Mutter weinen hörte, aber ich war mir nicht sicher. Ich wollte sie nicht sehen. Ich schlief endlich ein; ich weiβ auch nicht, ob meine Mutter eben mal ins Bett ging, bevor wir kurz nach dem Sonnenaufgang aufbrachen.

Meine Mutter saβ wieder hinter dem Steuer. Sie fuhr langsamer als sonst; wahrscheinlich wollte sie die Stelle nicht erreichen. Ich auch nicht. Am Morgen war es schrecklich sonnig, schmerzhaft hell. Das Gras um uns herum war hellbraun und brüchig, starb langsam, wie die Sonne es kalt ansah. Wir kamen um eine Ecke, und ich sah das gleiche Dorf vor mir, und den gleichen Kirchturm. Ich wollte weiβe, gruselige Gespenster sehen, unheimliche Gespenster, die um uns herumschwärmten. Ich wollte sie sehen, aber es war zu hell und sonnig. Und es war falsch. Und meine Mutter fuhr zur Seite, und sie stieg aus, und sie stand eine Weile neben dem Auto bevor sie auf die Erde niedersank. Und sie kniete da, auf der Seite der Straβe, wie sie zum weit entfernten Dorf führte, und ich konnte nicht zu ihr gehen. Ich konnte es einfach nicht.

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